Leopold
Figl (2. Oktober 1902 - 9. Mai 1965) war der Mann, der Kraft seiner
Persönlichkeit und seines Verhandlungsgeschicks Österreich
in schweren Zeiten den Weg zur Unabhängigkeit bahnte. Einfühlsam
und kenntnisreich beschreibt diese umfassende Biographie seinen politischen
und privaten Lebensweg vor zeitgeschichtlichem Hintergrund.

Leopold
Figl wurde am 2. Oktober 1902 im niederösterreichischen Rust
im Tullnerfeld geboren. Aus einer Bauernfamilie stammend, ging er
dem Studium der Agrarwissenschaften nach, das er 1927 erfolgreich
abschloß. 1934 gewann er durch die Ernennung zum Direktor des
Niederösterreichischen Bauernbundes an politischem Einfluß.
Figl
zählte in den Jahren des nationalsozialistischen Machtausbaus
zu den schärfsten Gegnern des Anschlusses Österreichs an
das Deutsche Reich. Im Zuge seiner Bemühungen, die "Gleichschaltung"
zu verhindern, schloß er sich einer antinationalsozialistischen
Untergrundorganisation an.
Dieses
Engagement veranlaßte die Nationalsozialisten zu Restriktionsmaßnahmen.
Am 12. März 1938 wurde Figl verhaftet. Zusammen mit führenden
Politikern des Schuschnigg-Regimes, mit Sozialdemokraten, Kommunisten
und Juden, wurde Figl am 1. April 1938 mit dem sogenannten "Prominenten-Transport"
in das KZ Dachau deportiert. Erst 1943 kam Figl nach beharrlichen
Interventionen seiner Frau frei.
Nach
dem mißlungenen Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944
kam es in Deutschland und Österreich erneut zu einer Verhaftungswelle
mutmaßlicher Oppositioneller. Auch Figl wurde abermals inhaftiert
und wartete bereits als Todeskandidat im Landesgericht Wien auf seine
Hinrichtung. Der Einmarsch der Roten Armee in den ersten Apriltagen
bewahrte ihn vor diesem Schicksal.
Nach
der Befreiung 1945 wurde Figl zum Landeshauptmann von Niederösterreich
ernannt. Als Mitbegründer der Österreichischen Volkspartei
war er von September 1945 bis Juni 1952 deren Obmann. Von April bis
Oktober 1945 bekleidete Figl das Amt des Staatskanzlers in der provisorischen
Regierung Renners und stand als erster Bundeskanzler an der Spitze
der neuen Österreichischen Republik. Nach dem knappen Wahlsieg
der ÖVP 1953 scheiterte Figls Versuch, ein weiteres Koalitionskabinett
zu bilden. Julius Raab wurde Bundeskanzler, Figl Außenminister.

Figl
war neben Kreisky, Raab und Schärf Mitglied der Österreichischen
Delegation in Moskau, die mit den Sowjets den Staatsvertrag aushandelten.
Am 15. Mai 1955 unterzeichnete er in seiner Funktion als Außenminister
den österreichischen Staatsvertrag und präsentierte vom
Balkon des Belvedere den jubelnden Österreichern das Dokument,
das dem Staat seine Freiheit brachte.