Mit
der Kirche von Schöngrabern, einem der bedeutendsten, zugleich
aber geheimnisvollsten und umstrittensten mittelalterlichen Bauwerke
Niederösterreichs, haben sich Generationen von Forschern beschäftigt:
Nach mehreren Restaurierungs- und Purifizierungskampagnen des 20.
Jahrhunderts präsentiert sie sich heute als einfache Saalkirche,
deren Langhaus aus zwei annähernd quadratischen Jochen besteht,
mit einem eingezogenen Chorquadrat und einer niedrigen, ebenfalls
eingezogenen Rundapsis. Turm und Westjoch entstammen einer späteren
Zeit.
Ihre
internationale Bedeutung erhält die Pfarrkirche aber vor
allem durch ihren ungewöhnlichen Reliefschmuck an der Außenseite
der Apsis: In die Apsismauer sind drei hochrechteckige Felder eingetieft,
wobei diese Eintiefung in zwei Stufen erfolgt und so ein doppeltes
Rahmensystem bildet. Jedes Joch wird horizontal zweigeteilt, sodaß
die drei Rahmen je vier Reliefs (je eines unter- und oberhalb der
Fenster sowie je eines flankierend) umschließen, was eine Gesamtzahl
von insgesamt zwölf ergibt. Die überzeugendste Deutung des
komplizierten Programms stammt wohl von M. Pippal: Sie geht davon
aus, daß es vom typologischen Denken des Mittelalters bestimmt
ist und diesem zwei Grundideen eigen sind.
Erstens
umfaßt es mehrere Sinnebenen und zweitens schließt
sich das Programm der Apsisaußenseite auf der typologischen
Ebene mit der sakramentalen Handlung, die innen auf dem Altar stattfindet,
zusammen. Oberhalb der Fenster finden wir in allen drei Jochen die
Darstellung von etwas theologisch Definitivem: Trinität, Hölle
und Himmel. Die neun anderen Gruppen können alle dem Themenkreis
der Psychomachie zugeordnet werden, dem Kampf zwischen guten und bösen
Mächten, der als Kampf zwischen Mensch und Tier, zwischen Tieren,
aber auch zwischen Menschen dargestellt wird. Der Sündenfall
ist die erste Psychomachie der Menschheitsgeschichte, der Kampf Michaels
mit den Teufeln die letzte. Es wird also als stetiger Kampf zwischen
Gut und Böse die Geschichte der Menschheit vom Beginn bis zum
Ende dargestellt.
Ziemlich
geklärt ist heute auch, religionsgeschichtlich, kunsthistorisch
und vom Baubefund her, daß es sich bei der Kirche von Schöngrabern
um einen spätromanischen Bau der Zeit um 1230 handelt, der allerdings
in Raumgröße, technischem Aufwand und ästhetischer
Gestaltung den Rahmen einer romanischen Dorfkirche in unseren Breiten
übersteigt und damit die Frage nach dem bis heute unbekannten
Bauherrn erneut aufwirft.