Der Wiener Stadtpark


Als in den Jahren nach 1857 die alten Basteien und Mauern Wiens demoliert wurden und an ihrer Stelle die Monumentalbauten der Ringstraße entstanden, fiel der neuen Prachtstraße auch das Glacis zum Opfer, jener bis dahin unverbaute, rund 450 Meter breite Streifen Land zwischen Stadt und Vorstädten. Ursprünglich aus militärischen Gründen angelegt, war dieses Festungsvorfeld Ende des 18. Jahrhunderts systematisch bepflanzt worden und bildete seither ein wichtiges Luftreservoir der grünarmen Stadt und ein geschätztes Naherholungsgebiet der Wiener. Besonders das "Wasserglacis" vor dem Karolinentor, wo seit 1822 eine "Trinkkuranstalt" – ein Pavillon, in dem Mineralwasser ausgeschenkt wurde – bestand, war ein beliebter Treffpunkt der Spaziergänger.

Von Beginn der Ringstraßenplanung an stand daher fest, daß für das Glacis in Form neuer Grünflächen Ersatz geschaffen werden mußte. Es entstanden schließlich der Rathauspark und – auf den Gründen Der Wiener Stadtpark, Chromolithographie von Franz Alt, 1872des Wasserglacis – der Stadtpark. Hatte bis dahin der Staat für öffentlichen Grünraum gesorgt (Öffnung des Praters, des Augartens und später auch Schönbrunns, Anlage des Volksgartens), übernahm nunmehr die Stadt diese Aufgabe. Der Maler Josef Selleny entwarf einen Garten im englischen Landschaftsstil und nach seinen Skizzen legte der Wiener Stadtgärtner Rudolf Sieböck den Park in kürzester Zeit – von 15. März bis 24. August 1862 – an. Der Kursalon, der die erwähnte Mineralwasser-Trinkanstalt ersetzte, entstand 1865 bis 1867 nach Entwürfen des Architekten Johann Garben.

In den nächsten Jahrzehnten erfuhr der Stadtpark noch vielfältige Ausgestaltungen: Zahlreiche Denkmäler (Donauweibchen, Schubert, Schindler, Makart, Bruckner, Amerling, Canon, Strauß u. a.) wurden aufgestellt und jener zierliche, gußeisene Pavillon im "maurischen" Stil, der den Vordergrund unserer Ansicht bildet. Als Meisterwerk der Eisengießerei war er schon 1851 auf der Weltausstellung in London präsentiert worden; während des Zweiten Weltkriegs wurde er abgetragen. Eine einschneidende Veränderung bildete die Wienflußregulierung 1906, mit der eine völlige Umgestaltung des Ufergeländes und die Errichtung des Wienflußportals durch Friedrich Ohmann verbunden war.

Die Besucher des Stadtparks beschrieb 1909 der Wiener Kulturpublizist Arthur Rössler: "Auf dem erhöhten Plateau vor dem Kursalon, von dem aus man einen schönen Blick über den künstlich angelegten kleinen See des Gartens genießt, auf dem allerlei Wasservögel ihr schnatterndes und pritschelndes Wesen treiben, pflegen während der schönen Jahreszeit die Frauen der Bankdirektoren, Großindustriellen, Verwaltungsräte und erfolgreichen Börsianer mit ihren Kindern die ,Jause' einzunehmen. Hierher kommen die alten Pensionisten und Rentner von der Landstraße, die jungen Kunstgewerbeschüler von dem nahen Museum am Stubenring, postenlose Gouvernanten und Hauslehrer. Hier sah man dralle hannakische Ammen in ihrer kleidsamen, farbenreichen Nationaltracht und stämmige sporenklirrende Dragoner in roten Pumphosen aus der Heumarktkaserne. Frühmorgens tranken hier alte, tatteriche Generäle und zipperleingeplagte Legationsräte, einträchtig wie sonst nie neben Palesjuden aus Galizien in langen Seidenkaftanen, ihren Becher "Sprudel", worauf sie ernsthaft schweigend oder in Erinnerungen schwelgend, gemessen in den Alleen auf und nieder wandelten, die ,Wirkung' des medizinischen Wassers erwartend."

Bildquelle: Der Wiener Stadtpark, Chromolithographie von Franz Alt, 1872, 42 x 55,2 cm; Wien, Historisches Museum der Stadt Wien, Inv.-Nr. 106.510/11


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